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Wandel im Weinanbau - Über das Klima, den Wein und Peters Visionen


Im zweiten Teil spricht Peter Hoffmann vom Bio-Weingut Hoffmann an der Mosel mit uns über die Herausforderungen im ökologischen Weinanbau. Wer den ersten Beitrag über Peter gelesen hat, weiß, dass er sich ein enormes Wissen angeeignet hat und sich gerne zwischen Tatendrang und Genuss bewegt.


Lieber Peter, was sind die prägnantesten Unterschiede zwischen dem Bio- und konventionellem Weinanbau?

Der größte Unterschied ist, dass im konventionellen Weinbau andere Pflanzenschutzmittel zur Anwendung kommen, sogenannte chemisch-synthetische Mittel. Diese sind so formuliert, dass sie auch in die Pflanze eindringen können, um den Schadpilz in der Zelle selbst zu zerstören.

Im Öko-Weinbau ist das anderes. Wir verwenden ausschließlich organisch-mineralische Mittel, die auch natürlich in der Umwelt vorkommen. Zum Beispiel Schwefel, Kupfer, verschiedene Pflanzenöle, aber auch das was jeder als Backpulver aus der Küche kennt. Diese können einen Schadpilz nur von der Zelle fernhalten, wenn sie zuvor wie eine Art Schutzschild auf dem Blatt aufgebracht werden. Dies ist um einiges schwieriger und risikoreicher. Denn, wenn der Pilz erst mal in der Pflanze ist, können wir wenig tun.

Der zweite Unterschied ist die Nährstoffversorgung. Der konventionelle Weinanbau hat andere Düngemittel zur Verfügung. Wir verwenden nur organische Dünger. Das können zum Beispiel Abfälle aus der Zuckerrübenverarbeitung sein. Oder ganz klassisch der Kompost. Im Grunde ist es so, dass wir im Boden schon alles zur Verfügung haben was wir brauchen. Unser Grundprinzip ist es, das System so zu fördern und auszurichten, dass es keinen Dünger benötigt. Trotzdem entnehmen wir durch die Ernte der Trauben jährlich einen beachtlichen Teil an Nährstoffen. Um dies auszugleichen arbeiten wir zum Beispiel mit dem Einsähen von Leguminosen.

Nice to know

Leguminosen sind Pflanzen, wie Klee oder Luzerne, die sammeln, wenn sie gewachsen sind, Stickstoff aus der Luft und senden diesen an den Boden weiter. Sie lagern diesen an den Wurzeln ein. Das bedeutet, man hat eine effiziente Erhaltung der Kultur ohne, dass man Stickstoff hinzugeben muss.

Man braucht sehr viel Erfahrung, um diese Pflanzen richtig einzusäen und erhalten zu können. Solch eine Pflanze ist ein Wasserkonkurrent zur Rebe. Da bedarf es anfangs etwas Übung, bis man den Dreh raus hat.

Außerdem unterscheidet uns die Ansicht, wie der Konkurrenzbewuchs zur Rebe, also Gräser und „Unkraut“, in Schach gehalten wird. Konventionell geschieht das oft mit Herbiziden (Unkrautvernichtungsmitteln). Dieses wird unter die Rebstöcke auf den Boden und die Pflanzen gespritzt. Wir gehen durch Abmähen oder mechanisches Ausreißen etwas boden- und pflanzenfreundlicher vor.

Wir können mit so wenig wie möglich Zugaben, das Weinanbausystem in seinem natürlichen Kreislauf unterstützen.

Was sind für euch die größten Herausforderungen im Weinbau?

Der Klimawandel hat sich bisher beachtlich über die letzten Jahre ausgewirkt. Es sind Schädlinge eingewandert, die vorher mit unserem Klima nichts anfangen konnten und die sich jetzt hier pudelwohl fühlen. Zum Beispiel die Kirschessigfliege aus China, die hat es auf rote Trauben abgesehen. Da wir kein Gift spritzen, können wir bislang nur viel Blattgrün um die Trauben herum entfernen. Denn die Fliege mag kein direktes Sonnenlicht. Diese Methode ist sehr aufwändig und begrenzt wirkungsvoll. Wenn man solch eine Fliege im Weinberg hat, bedeutet das Ernteeinbußen.

Im Ganzen ist es auch einfach wärmer geworden. Trockenzeiten oder Regenzeiten werden immer krasser. Man hat oft lange Perioden, in denen es nass ist und dann wieder lange, trockene Hitzeperioden. Im Weinberg müssen wir in solchen Situationen zum Beispiel mit wassersparenden Maßnahmen reagieren. Und gleichzeitig darauf achten, die hohe Qualität zu erzielen.

Habt ihr ein spezielles Bewässerungssystem?

Aufgrund unserer Lage, die Mosel ist ja gelegen zwischen Eifel und Hunsrück, regnen sich viele Wolken bei uns ab. Deshalb haben wir im Vergleich zu anderen Weingebieten relativ viel Niederschlag über das Jahr verteilt. Etwa 700 mm im Jahr. Deshalb brauchen wir keine Bewässerung im Weinberg, nur wenn man junge Reben gepflanzt hat und es sehr trocken ist. Diese haben nur ein Wurzelwerk von 10 cm und kommen nicht an tiefere Wasserreserven (Grundwasser). Da wird von uns dann mit Wasser nachgeholfen.

Was tut ihr, um die Herausforderungen des Klimawandels zu meistern?

Durch Anpflanzen von pilzwiderstandsfähigen Rebsorten versuchen wir zum Beispiel den Rebschutz zu reduzieren. Der eine Part der Kreuzung ist eine resistente Wildrebe. Der andere Teil eine gut schmeckende normale Rebsorte. Durch kreuzen der Blüten entsteht eine komplett neue Rebsorte. Aktuell haben wir acht Rebsorten im Anbau. Drei davon sind pilzwiderstandsfähig (PiWi).

Pflanzt man eine Rebe an, dauert es in der Regel bis zu drei Jahren bis man die ersten Trauben ernten kann. Diesen Herbst können wir eine neue PIWI-Sorte das erste Mal ernten. Ich bin sehr neugierig auf den neuen Wein. Wir hoffen, dass wir in Zukunft noch mehr resistente Sorten etablieren können. Das hängt natürlich auch von unseren Kunden ab, denn schlussendlich muss ihnen unser Weinangebot gefallen.

Bei Schädlingen ist unser Ziel, nicht zu sehr ins Ökosystem einzugreifen, sondern auf natürlich wirkende Mechanismen zu bauen. Wenn neue Schädlinge hinzukommen, ist das Ökosystem meist dafür nicht ausgelegt und in diesen Fällen sind wir immer wieder neu gefordert Lösungen im Sinne der Natur und der Menschen zu finden.

Was ist deine Vision für den Weinbau der Zukunft? Wo siehst du noch Entwicklungschancen?

Wenn ich an die Zukunft denke, sehe ich, dass sich die Betriebe immer weiter vergrößern – ähnlich wie in der Industrie. Größere kaufen Kleinere auf. Das ist der aktuelle Trend. Es gibt Betriebe, die haben inzwischen über 100 Hektar. Diese Entwicklung sehe ich etwas kritisch.

Mein Wunsch für die Zukunft ist es, Wege zu finden den harten Markt etwas menschenfreundlicher zu gestalten. Die Kommerzialisierung zurückzufahren und ein gutes Leben in den Vordergrund zu stellen. Sich den sehr verbreiteten Geltungskonsum bewusst zu machen und durch lockeren Genuss zu ersetzen.


Ich finde es wichtig, beim Arbeiten mit der Natur nicht nur umweltschonend zu denken, sondern auch entsprechend zu handeln. Erntehelfer aus Rumänien für vier Wochen einzufliegen, ist nicht besonders ökologisch und nachhaltig. Das möchte ich ändern.

Doch dazu muss mehr Wertschöpfung erwirtschaftet werden, um Alternativen möglich zu machen. Und da sind wir wieder beim Teufelskreis des Wachstums.

Darüber hinaus freue ich mich unheimlich darauf, mal einen jungen Menschen ausbilden zu dürfen. Als Techniker kann ich das nun mit meinem Ausbilderschein. Mit jungen Menschen arbeiten und ihnen etwas beizubringen - für mich ist das eine Bereicherung für jeden Arbeitstag.

Eine wichtige Entwicklung wäre auch, sich Konzepte zu überlegen, wie man die Weinberge - am besten ökologisch - bewirtschaftet und dabei Erosion vermeidet. Die schleichende Erosion ist ein großes Problem, die in den Fahrspuren der Maschinen immer wieder den Boden abträgt. Viele Winzerkollegen sehen es nicht als Problem an, weil es vielen nicht auffällt. Nach einem „großen Regen“ liegt immer wieder frischer Boden auf der Straße. Wenn ein Weinberg frisch aufgepflügt wurde, ist der Verlust umso größer. Dann geht wertvoller Oberboden (Humus) verloren und somit extrem wichtige Nährstoffe für das Wachstum der Pflanzen. Der Humus wird jahrelang aufgebaut und dieser landet dann in den Flüssen und schließlich im Meer. Gerade an den Steillagen an der Mosel ist das eine große Herausforderung.

Unabhängig vom Weinbau, doch in Bezug auf die Natur und Menschen, wie könnte da die Zukunft aussehen? Was könnte man besser machen?

Ich finde, am wichtigsten ist es, einfach aktiv zu werden. Veränderungen geschehen nicht von alleine. Es gibt so viele Möglichkeiten in Umwelt und Gesellschaft Besserung anzustoßen. Für sich selbst kann man kleine Schritte finden, die etwas zum großen Ganzen beitragen. Durchs Internet haben wir die Möglichkeit uns einfach und schnell auszutauschen. Informationen schnell zu finden. So etwas gab es bis heute noch nie. Wenn man sich organisiert und zusammen tut, kann man so vieles schaffen. Man muss nur damit anfangen.

Bist du in einem Winzernetzwerk aktiv?

Wir sind Mitglied im Ecovin Verband. Das ist ein Verband von vielen Öko-Winzern aus Deutschland. Durch den gemeinsamen Austausch kann man viel voneinander lernen. Vor ein paar Wochen war das letzte regionale Treffen. Man tauscht sich über die Geschehnisse, über den Jahrgang, was so jeweils bei dem Einen oder Anderen passiert ist, aus.

Von Herzen DANKE, lieber Peter, für das interessante Gespräch und die schöne Zusammenarbeit.

Die Eifel Nomads, Romy & Anne

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