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Unser aller Wald

Aktualisiert: 26. März 2019


Lidwina Eichler, Kollegin und Mitgründerin der Waldakademie von Peter Wohlleben, berichtet im Interview von ihrer Zusammenarbeit, gemeinsamen Möglichkeiten und Zielen. Sie bewirtschaftet die Wälder der Waldakademie in Wershofen und führt Gäste bei Veranstaltungen durch die Natur. Lidwina appelliert an ein nachhaltiges und friedliches Bewirtschaften von heimischen Wäldern.

Ihr Aufruf: Auch du kannst dich für den Wald einsetzen. Jeder Quadratmeter, der geschützt werden kann, zählt!


Liebe Lidwina,

wie lange arbeitest du mit Peter Wohlleben bereits zusammen?

Seit 2011. Ich habe damals als Försterin ein reguläres Einstellungsverfahren durchlaufen. Anschließend haben wir bis Ende 2016 als Kollegen auf dem Amt zusammen gearbeitet und dann als Freunde die Waldakademie gegründet.

Die Waldakademie bietet uns viele großartige Möglichkeiten.

Vor ein paar Wochen im Oktober war Peter Wohlleben erst in Kanada, Vancouver Island, bei einem Indianerstamm mit 19-Mitgliedern zu Besuch. Deren Wald ist bedroht von Abholzung und es bewirkt unglaublich viel, wenn Peter Wohlleben dazu Stellung bezieht.

Besonders durch Peters Bücher wie „Das geheime Leben der Bäume“ ist das Interesse an unserer Arbeit sehr groß geworden und seine Stimme in der Öffentlichkeit sehr laut . Wir sehen, dass das Interesse sehr groß ist und die Menschen wissbegierig und aufnahmefähig. Sie wachen auf und stellen Fragen. Sie nehmen die Dinge nicht einfach mehr so hin und haben erkannt, dass sie auch etwas durch ihr Handeln bewirken können.

Habt ihr die Waldakademie gegründet, um unabhängiger agieren zu können oder was war der Antrieb dahinter?

Über die Arbeit in der Waldakademie unterstützen wir Bürgerinitiativen und wir werden teilweise auch zur Anlaufstelle von vielen Fragen, weil die Menschen achtsamer durch den Wald gehen.

(Anne) Wie schön! Das klingt ja ein bisschen nach Seelsorgestation für Waldfragen.

Lidwina: Ja tatsächlich.

Was sind denn aus deiner fachlichen Sicht die Hauptunterschiede zwischen einer konventionellen Waldwirtschaft und einer nachhaltigen- so wie ihr sie betreibt?

Viele Wälder bestehen aus Nadelholz. Der trockene Sommer 2018 hat bei Fichten starken Borkenkäferbefall verursacht. Oft wird immer noch empfohlen Fichte anzupflanzen. Das sind in der Regel Plantagen, in denen alle 20 Meter schwere Maschinen, also Vollerntemaschinen, sogenannte Harvester, durchfahren und den Baum als Ganzes packen, unten absägen, entasten und den Baum direkt in Segmente einschneiden.

Bei uns ist das anders. Wir bevorzugen dagegen einen natürlichen Laubwaldbestand. Wenn wir Rückegassen benötigen, dann sind mindestens 40-50 Meter Abstand zwischen den einzelnen Gassen im Wald. Grundsätzlich legen wir keine neuen Wege an, sondern nutzen die bereits vorhandenen. Denn Wälder wurden in den letzten 100-200 Jahren stark befahren.

Wir fällen gezielt einzelne Bäume, so dass sie nicht auf jüngere Bäume fallen und der Nachwuchs nicht verletzt wird. Wir holen diese Stämme mit Pferden an den Waldrand, um sie von dort abzutransportieren. Doch im Wald selber, gibt es bei uns keine Maschinen zum Schutz des Bodens.

(Anne) Damit so wenig Schaden wir möglich entsteht?

Lidwina: Ja und dass wir auf einen respektvollen Umgang mit den Bäumen achten.

Außerdem wird das Holz im konventionellen Waldbau, dass zum Beispiel mit Käfern befallen wurde, nach draußen gezogen, dort gelagert und bespritzt. Teilweise wird auch flächig über Hubschrauber mit Kontaktpestiziden bespritzt. Chemieeinsätze vermeiden wir grundsätzlich.

Was wir auch nicht tun, ist Kahlschlag, also eine flächige Abholzung von Bäumen. Das ist sehr schädlich für das Klima, die Tiere und den Boden.

(Romy) Für das ganze System.

Lidwina: Ja genau. Doch oftmals wird es leider nicht als ganzes System betrachtet. Viele Gemeinden stehen enorm unter Druck, weil sie das Holz brauchen. Hier haben wir uns gefragt: Wie kann an dieser Stelle Kompromisse zu schaffen?

Wir fahren mit unserer Bewirtschaftung betriebswirtschaftlich gut. Die Gemeinden Wershofen und Hümmel waren zuvor zahlentechnisch im Minus und mit dem Wechsel zur ökologische Bewirtschaftung kam eine positive Änderung.

Außerdem macht es als Förster*in auch viel mehr Spaß, denn wir möchten doch handwerklich arbeiten. Auch, wenn der Aufwand größer ist. Doch heutzutage sind die konventionellen Reviere mit über 2000 Hektar oftmals so groß, dass kann ein Kollege gar nicht anders stemmen.

Habt ihr im Studium auch die ökologische Betrachtungsweise kennen gelernt?

Nein so kann ich das nicht sagen. Es wird kurz darauf eingegangen, welche Verfahrensweisen der Ernte es gibt im Wald. Doch grundsätzlich werden konventionelle Verfahren aufgrund der betriebswirtschaftlicher Sichtweise gelehrt. Leider ist das alles nicht richtig durchkalkuliert, denn Pferdeeinsatz lohnt sich aus unserer Sichtweise.

Ein großer Aspekt der ökologischen Bewirtschaftung ist, anstelle Laubholz Nadelholz zu nutzen. Das heißt, wir bauen den Wald langfristig auf Laubholzbestand um, denn das sind die hier heimischen Bäume und diese sind geeigneter für den Klimawandel. Man muss dem Wald auch mal die Chance lassen sich anzupassen.

Die Douglasien können zum Beispiel mit den langen Trockenheitsphasen, die laut Prognosen auf uns zukommen, nichts anfangen. Und das merkt man jetzt schon. Wir orientieren uns so gut wie möglich an der Natur. Die Schutzflächen, wie das Buchen-Urwaldprojekt oder der Traumwald, sind hierfür super als wissenschaftliche Referenzflächen geeignet. Die Universität Aachen forscht regelmäßig auf unseren Flächen.

Denn es muss geprüft werden, ob die Nichtnutzung des Waldes nicht schädlich ist. Denn wer weiß, vielleicht schadet es ja der Natur, wenn man sie einfach mal machen lässt.

Grundsätzlich ist es ja so, dass es wenn überhaupt uns schadet. Denn die Natur reguliert sich von alleine.


Auf eurer Website haben wir vom Traumwald erfahren. Wird es einen weiteren Ruheforst in der Eifel geben?

Genau. Der Traumwald ist ein Bestattungswald, indem man sich einen Baum für 99 Jahre lang als Grabstätte erwerben kann. Das Prinzip ist wie in allen anderen Bestattungswäldern. Der Gemeinde Hümmel steht die Firma Ruheforst im Hintergrund. Und bei der Gemeinde Wershofen die Firma Wohllebens Waldakademie.

Würdest du sagen, dass sich euer Konzept auch auf andere Regionen Deutschlands problemlos übertragen lässt?

Ja und die gibt es auch schon. Sowohl Waldbestattungswälder, als auch die ökologische Waldbewirtschaftung. Es ist immer die Frage, wie man es aufzieht. Manche Bestattungswälder laufen gut, andere weniger gut. Das hat natürlich auch seine Gründe.

In Lübeck gibt es keinen Bestattungswald. Wir arbeiten mit der Naturwaldakademie mit Sitz in Lübeck zusammen. Der Stadtwald Göttingen wird beispielsweise auch ökologisch bewirtschaftet.

Doch natürlich, man könnte es noch viel stärker auch über Deutschland hinaus ausweiten.

Welche Programme und Seminare bietet ihr an?

Umweltseminare bieten wir an, auch wie man Waschmittel plastikfrei selbst produziert, eine Kräuterwanderung, das geheime Leben der Bäume mit Peter Wohlleben und das Kamingespräch mit Peter. Das Kamingespräch ist im Vergleich zu den anderen Seminaren etwas intimer mit 15 Personen.

Außerdem bieten wir normale 2-Stunden Wanderungen an und das Survival-Programm „Eine Nacht unter freiem Himmel. Peter bietet außerdem ein Seminar an, indem er sein Wissen als Sachbuchautor vermittelt.

Woher kommen eure Gäste?

Deutschlandweit. Wir hatten auch schon Gäste aus Polen und Amerika. Das Schöne ist, dass auch untereinander zwischen den Besuchern Kontakte entstehen.

(Anne) Nicht nur Netzwerk Wald, sondern auch Netzwerk Menschen.

Lidwina: Genau. Netzwerk Natur :-)

Betriebsausflüge bietet ihr ja auch an. Wer kommt da zu euch Besuch?

Wir sind immer noch dabei das aufzubauen. Langsam werden auch Betriebe auf uns aufmerksam. Eine Handvoll Betriebe waren schon da. Rewe und Sauber Energie zum Beispiel.

Gibt dir deine Arbeit im Wald eine innere Ruhe?

Ja das kann ich sagen. Ich habe eine einjährige Tochter und mit ihr gehe ich täglich raus in den Wald.

Es gibt Studien darüber, dass das Grün der Blätter eine erholende Wirkung auf den Menschen hat. Auch darüber, dass kranke Menschen, die raus in die Natur schauen, schneller gesunden als Menschen, die beispielsweise auf eine weiße Wand schauen. Ich empfinde Wald als Ursprungsquelle, aus dem man sehr viel schöpfen kann.

Man gewöhnt sich an vieles, doch wenn man bedenkt, wie alt die Bäume sind und wie machtvoll sie sind, dann tut es einem um jeden Baum leid, der gefällt wird.

Was ist für dich Naturverbundenheit?

Viel in der Natur sein, ist für mich Naturverbundenheit. Dass einem bewusst ist, was es bedeutet – dass Pflanzen auch Lebewesen sind. So wie ein kleiner Hund, den man streichelt, dass Bäume einen ebenso respektvollen Umgang verdient haben.

Was schätzt du an der Eifel Region?

Ich mag das Ländliche hier und dass die Menschen naturverbunden sind. Ich bin gerne nah an der Natur, gerade heute war ein wunderschöner Sonnenaufgang. Wenn man eine weite Sicht auf die Landschaft hat, dann kommt man sich selbst kleiner vor. Im Vergleich zu dem, was wir Menschen der Natur manchmal antun. Ich möchte damit nicht sagen, dass man selbst unwichtig ist und nichts tun kann, sondern dass man erkennt, dass man ein Teil der Natur ist und nicht der Herrscher, der alles abholzt.

Was wünschst du dir für die Eifel?

Aus Sicht der Waldakademie wünsche ich mir, dass das Interesse so bleibt, dass die Menschen darauf achten, was in ihrem Wald passiert.

Liebe Lidwina,

wir danken dir von Herzen für diesen schönen Ausflug in den Wald mit dir. Wir freuen uns auf den nächsten Besuch in der Waldakademie.

Hier geht es zur Website.

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